04.05.2016
Mein Brief an die Frauennetzwerke
Anfragen aus Frauennetzwerken für kostenlose Vorträge. Von Frau zu Frau. Solidarisch. 2007 habe ich eine davon abgesagt und stattdessen einen Brief geschrieben. Ich würde ihn heute unverändert unterschreiben.
Es gibt ein Thema, das mich bewegt, seit ich tue, wozu ich mich berufen fühle: Wertschätzung mit Geld in die Welt zu bringen. Auf allen Ebenen.
Billig liefert eine erschreckend einfache Orientierung. Der Preis zählt, basta, kein weiteres Denken nötig. Ganz schön einfach. Und ganz schön kurz gedacht.
Was sich nicht ändert
Frauen sind in der Messbarkeit der Bezahlung im Selbstwert getroffen. Schlechtere oder gar keine Bezahlung geht nicht spurlos vorüber.
Manches ändert sich gar nicht. Zum Beispiel die immer wiederkehrenden Anfragen aus Frauennetzwerken für kostenlose Vorträge. Von Frau zu Frau. Solidarisch.
Die Liste der scheinbar guten Gründe ist lang. Weil es gute Werbung ist. Weil es eine Ehre ist. Weil es alle machen. Weil es sonst eine andere macht.
Der Brief
2007 habe ich den folgenden Brief zum ersten Mal verschickt. Jahre später habe ich Respekt davor, wie klar ich damals schon war. Ich würde ihn heute ohne Änderung unterschreiben.
Sehr geehrte Frau S.,
durch ein Gespräch mit einer Autorin, die mit ihrem Vortrag am finanziellen Ausgleich in Ihrer Organisation gescheitert ist, hat es mich nachdenklich gestimmt, dass Ihre Vereinigung erfolgreicher Frauen, deren Ziel es ist, andere Frauen zu fördern, nicht gerne einen angemessenen finanziellen Ausgleich an Referentinnen gibt.
Meine Auffassung ist, dass dieser finanzielle Ausgleich gelebte Wertschätzung ist.
Eine Vortragsanfrage aus Ihrem Netzwerk habe ich aus diesem Grund abgesagt.
Der finanzielle Nichtaustausch bewirkt, dass keine Wertschätzung fließt und Frauen sich kollektiv klein halten. Erfolgreiche Frauen tun so, als könnten sie sich keine zwanzig Euro für einen Vortrag leisten. Und Referentinnen halten sich selbst klein, indem sie nicht erhalten, was ihnen für ihre Leistung zusteht.
Darin liegen aus meiner Sicht wesentliche Gründe, warum Frauen weniger verdienen als Männer:
Wir trauen uns nicht, genauso viel zu fordern. Wir fühlen uns schlecht oder unsolidarisch dabei, oder sogar geldgierig. Uns fehlt das Wertbewusstsein für unsere Leistung. Wir schämen uns, Geld zu verlangen. Wir halten uns auf subtile Weise klein, statt unser Wachstum zu fördern.
Und das, obwohl jede Frau im Wesen gern großzügig ist.
Was ich möchte, wenn ich einen Vortrag halte, ist: etwas bewegen. Ich will, dass Menschen spürbar reicher nach Hause gehen. Das setzt Offenheit voraus. Und Offenheit setzt Wertschätzung voraus.
Falls also die Meinung besteht, für eine solche Leistung nicht gern zu bezahlen, dann besteht auch keine wirkliche Neugier. Und dann ist es umsonst, in jeder Beziehung.
Mit freundlichen Grüßen Nicole Rupp, Oktober 2007
Warum ich ihn veröffentliche
Vielleicht fühlt sich eine Frau bestärkt, mehr statt weniger zu fordern. Oder einfach einmal nein zu sagen, auch wenn es wehtut.
Oder jemand fängt an darüber nachzudenken, wie es gehen könnte, die Leistung einer Frau in dem Moment fair zu honorieren, in dem sie erbracht wird.
Wir verlieren automatisch an Mangel in dem Maße, in dem wir an Wertschätzung gewinnen.
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